SCHLUMMERTASTE

12:30


Ich spüre einen leichten Wind um meine nackten Schultern, als wir vor die Tür des Clubs treten um kurz frische Luft zu schnappen. Es ist eine kühle Nacht im April, doch ich bin froh der stickigen Luft und den schwitzenden Menschen kurz zu entkommen.
Ich wende meinen Blick zur Seite und sehe einen Umriss welcher sich in meine Richtung bewegt. Schwankend und doch zielstrebig. Ich kneife meine Augen zu - ist er es wirklich? Doch als er immer mehr auf mich zu kommt kann ich es nicht mehr leugnen. Den Blick wieder auf die andere Straßenseite schweifen lassen und so tun als hätte ich ihn nicht gesehen. Zu spät. Das war so nicht geplant.
Nur ein bisschen Spaß haben mit meinen Mädels. Ablenkung. Tanzen. In jedem Fall keine rührseligen Nachrichten. So zumindest der Plan.
Doch dann - wir kennen es alle - kommt ein schwacher Moment, eine Erinnerung und alle Pläne sind über den Haufen geworfen. So als hätten wir nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass wir heute stark sein müssen. Als hätten wir nie unserer besten Freundin versprochen, ihm heute ausnahmsweise mal nicht zu schreiben. Auch nach mehreren Gläsern Wein.

Hanni ist alles ok? Soll ich kurz vorbeikommen?

Und so stehe ich etwas verloren inmitten einer Straße in einem belebten Teil der Stadt umgeben von Menschen, die samstagnachts wahrscheinlich das gleiche vorhatten wie wir.
Spaß haben. Ablenkung. Tanzen.
Doch ich blicke geradezu in mein Verderben. Seine strahlend blauen Augen sind auf mich gerichtet, als er auf mich zuläuft. Er bemerkt, dass ich mittlerweile friere. Ich sehe nur noch wie er seine Jacke öffnet und finde mich wenige Sekunden später mit geschlossenen Augen in seinen Armen wieder, die Jacke um mich gelegt. Dieser vertraute Geruch, wenn auch mit Zigarettenqualm der letzten Stunden gemischt, und diese Wärme sind so einladend, dass ich plötzlich alles um mich herum vergessen möchte. Die zuvor schon gelockerten Vorsätze scheinen auf einmal ganz weit weg.
Mein Kopf sagt mir, dass ich mich losreißen muss. Dass ich wegrennen soll bevor meine stundenlang aufgebaute Fassade wieder zusammenbricht. Die vernünftige Stimme in deinem Kopf ist wie das Weckerklingeln, was dich am Morgen aus deinen Träumen reißen will. Doch irgendwie entscheidest du dich doch wieder liegen zubleiben. Die Schlummertaste zu drücken.
Nur noch ein mal.
Noch ein mal lässt du dich von der Wärme deiner Bettdecke überreden und in deine Träume zurückreißen.

Ich spüre die urteilenden Blicke meiner Freundin, die auf einer Bank direkt hinter uns sitzt, in meinem Rücken. Doch es ist zu spät. Bevor Kopf über Herz siegen kann, bevor ich den Wecker ausstellen kann um aufzustehen, spüre ich seine weichen Lippen auf meinen. Er küsst mich. Und ich küsse ihn. Und es ist okay. Wirklich.
Keine Ahnung ob er es so gewollt hat. Vielleicht war es nur ein unglücklicher Zufall. Dass wir beide an dem Abend in dem Stadtteil unterwegs waren. Aber das bin ich nicht: unglücklich. Ich bin nicht unglücklich. Ich bin okay.
Alles um mich herum ist egal.
Der Türsteher. Meine Freundin. Die ganzen Menschen auf der Straße.
Alles scheint verschwommen.

Es ist einer dieser Momente, der sich wunderschön anfühlt. Das Gefühl ist nicht festzuhalten, vergänglich und deswegen auch bittersüß - aber es ist das Gefühl, das dir einen dieser Momente gibt, an den du ewig denkst, der sich festsetzt, der sich immer, immer lebendig anfühlen wird.

Lass uns zu mir gehen.

5 Worte die ausreichen, um mich meinen Mantel holen zu lassen. Die ersten Worte, die aus seinem Mund kamen, an die ich mich überhaupt erinnern kann.
Als ich mit meinem Mantel in der Hand wieder aus dem stickigen Club trete, höre ich nur noch wie meine Freundin ihn anschreit. Alles in meinem Kopf dreht sich. Wieso schreit sie ihn an? Sie soll mich doch einfach nur gehen lassen..
"Ich finde das nicht okay von dir. Du kannst hier nicht einfach antanzen, einmal mit dem Finger schnippen und denken dass sie mit dir geht!"
Ich weiß dass sie es gut meint. Dass sie mir helfen will. Aber es ist zu spät, die Entscheidung in meinem Kopf ist bereits gefallen.
"Es wird seine Einstellung gegenüber einer Beziehung nicht ändern." sagt sie nun zu mir. "Oder? Sag es ihr!" schreit sie ihn an.
"Es wird meine Einstellung gegenüber einer Beziehung nicht ändern Hanni."
Er schaut mich eindringlich an und hält nun mein Gesicht in seinen Händen.
"Es wird meine Einstellung gegenüber einer Beziehung nicht ändern.
Es wird meine Einstellung gegenüber einer Beziehung nicht ändern.’’

Er wiederholt es. Immer und immer wieder. Mein Kopf rauscht von den ganzen Worten. Ich stehe nur da und kann keinen klaren Gedanken fassen.
Lass ihn gehen.
Gib die Hoffnung doch endlich auf.
Versuche ich mir irgendwie wieder in Gedanken zu rufen.

Doch wenn er mich ansieht verwischen Grenzen und diese vertraute Wärme ist einfach zu verlockend. Ich kann die Gedanken nicht greifen.

Es wird diesen Moment geben, indem du die Hoffnung aufgeben musst. Doch in diesem Augenblick will ich noch nicht aufstehen und der Realität ins Auge blicken. Ich möchte mich noch einmal umdrehen und die Schlummertaste drücken. Ein letztes Mal.



You Might Also Like

0 Kommentare